Sonntag, 7. Februar 2016

A Life A Song A Cigarette - All That Glitters Is Not Gold

O hell, what have we here?
[...] “All that glisters is not gold"
                    - Shakespeare - 

So stand er da, der Kaufmann von Venedig, überglücklich - in den Händen haltend, das viele hundert Jahre später erscheinende (erschienene? erschiente?), vierte Album der künstlerischen Interessengemeinschaft A Life A Song A Cigarette - oder so ähnlich, wenn man das Abitur nur auf dem zweiten Bildungsweg erhalten hat, muss man gewisse Lücken mit Kreativität füllen. Um aber unbeirrt mit Fakten zu beginnen, der Titel des Langspielers ist tatsächlich an Shakespeares zur Redewendung gewordene Zeilen angelehnt. Nicht alles was glänzt, ist auch Gold. Ein Titel zwischen Untertreibung und geschickter Schelmerei.
  


Da ist es also. Das vierte Kapitel einer 10-jährigen Bandgeschichte. Nach Fresh Kills Landfill, Black Air und Tideland - die alle mehr oder weniger in ähnliche Genre gepresst wurden und dennoch von stetiger stilistischer Veränderung zeugten - geht die Band um Sänger Stephan Stanzel ein weiteres Mal neue Wege. Immer noch kann man das Americana oder Folk nennen, wenn man nur das Wörtchen Indie davor setzt, gilt eh beinahe alles. Vielleicht wird es aber auch einfach Zeit für das offizielle Genre "ALASAC".

Da rauscht und bricht sich etwas Bahn, es tost, türmt sich auf, schon nach wenigen Tönen ist alles geklärt - es ist All That Glitters Is Not Gold, der Opener des gleichnamigen Langspielers (VÖ: Wohnzimmer (Broken Silence)). Es ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, einer neuen Liebe! Vor allem ist es der perfekte Einstieg, denn die neuen ALASAC sind bereits deutlich zu hören, was die Lust auf die restlichen zehn Songs noch einmal steigen lässt. Sollte der ein oder andere sich eine Art kindliche Begeisterungsfähigkeit bewahrt haben, dann wäre das jetzt der Moment, in dem man übers ganze Gesicht grinsend merkwürdige Geräusche der Freude von sich gibt. 

Es ist die Ausgeglichenheit, das herrlich Unaufgeregte, das mich sofort ergreift. Die teils gar nicht mehr so melancholische Melancholie die Stanzel, seines Zeichens Besitzer einer der lakonischsten Gesangsstimmen in der zeitgenössischen österreichischen Populärmusik, den Liedern einverleibt. Die seelenprallen Lyriks, der mit opulenter Geste ausholenden Stücke. Alles ist am richtigen Platz. Was kurios ist, haben die Protagonisten für ATGING ihre angestammten Plätze an Gitarre, Bass, Cello und Schlagzeug schließlich teils gewechselt. Aber bei einer Band, die Genregrenzen sprengt, musste das wohl früher oder später passieren. So ist es nun ein großes Ganzes, ein Zusammenspiel. Bei dem auch Gastmusiker wie Karl Stirner an der Zither nicht unerwähnt bleiben dürfen. Ebenso wie Stefan Deisenberger, der als Produzent seine Finger im Spiel hatte. Es ist eine Mixtur, die es schafft gleichzeitig größer und doch reduzierter zu klingen. "Blindhearted", die erste Single, ist die wohl herrlichste je von ALASAC geschaffene Pop-Nummer, die wirklich alles hat, was gut durchdachter, klassischer, nicht plumper Pop zu bieten hat - Emotionen und den Hang zur Stadiontauglichkeit.



Neun Stücke lang lauscht man den Geschichten, die sich im weitesten Sinn mit den Zermürbungskriegen namens Leben und Liebe befassen, erfreut sich an Streichern, leisen und lauteren Gitarren,  Lukas Lauermanns Cello, wohlig begleitenden Basslinien - soweit so üblich. Und dann bricht "To Axion Esti" so unvorhersehbar wie sanft über einen herein, dass man die Luft anhalten möchte. Was gefährlich wäre. Achtzehn Minuten und ebenso viele Sekunden frickelige, geruhsame, formvollendet schöne Klang-Extravaganz. Ein instrumentales Monster aus Piano und Feedbackschleifen. Es ist das typische Geräuschinferno, welches die Band jedem Album und seiner Hörerschaft schenkt, nur eben ganz und gar untypisch. Was für ein Finale. Doch halt, einen Ass haben die fünf Herren noch im Ärmel. Der Roadsong! Der "Intercity 69", er zeigt noch ein mal den Facettenreichtum und die Könnerschaft der Beteiligten. Starkes Songwriting trifft auch eine Melodie, die einlädt auf Reisen zu gehen, die das Fernweh rührt und alles bis auf den besungenen Schmerz vergessen macht.

Fazit:
Juweliere, Antiquitätenhändler, Westernfans und alle die in der Schule besser aufgepasst haben als ich, wissen, dass man bei der Goldsuche leicht Opfer der Oberflächlichkeit werden kann. Pyrit, das "fools gold", erscheint "goldener", da es mehr Sonnenlicht reflektiert. Gold in seiner ursprünglichen Form hingegen kommt in bescheidenem Matt daher. So scheint es nur logisch, dass das Cover sich wie ein Understatement (also marketingtechnisch latent suizidal) anschleicht. Es braucht kein Bling Bling, keine Oberflächlichkeiten, schon gar kein schrilles Aufsehen, denn etwas Echtes bleibt dem ersten Blick verborgen. Die äußere Erscheinungsform mag mattglänzend sein, doch "All That Glitters Is Not Gold" ist der ganz große Wurf. Ein in seiner Dringlichkeit und Emotionalität ergreifender Schatz aus elf Goldstücken, der immer wieder und von so vielen wie nur irgend wöglich entdeckt werden sollte.

Fünf von fünf Nuggets. 

Anspieltipps: ATGISNG, Snow, Simmering (PT II), To Axion Esti, Intercity 69






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