Sonntag, 22. Dezember 2013

Wohlfühltermine in Wien - Gefangen zwischen Pöbelei und Poesie oder Logenplätze - (Selbst-) Reflexion beim Haaretrocknen an der Heizung


Mit Wien verhält es sich in meiner Gefühlswelt ähnlich wie mit den USA: es handelt sich um ein wunderschönes Fleckchen Erde, dass Problem sind die Menschen dort. Was nicht nur subjektiv, sondern auch ziemlich unfair ist, denn in den USA war ich noch nie. Während nun also aus jeder Ecke und jedem noch so unscheinbaren Stein etwas Geschichtsträchtiges strömt und die Geister von Sissi, Freud, Falco, Schrödingers Katze und zahlreichen anderen Berühmtheiten jeden Schritt durch die wunderschönen Gassen von Favoriten bis Ottakring begleiten, stehen die Wiener so grundlegenden Dingen wie arbeitnehmerfreundlichen Ladenschlußgesetzen, genereller Serviceorientierung oder einer ernstzunehmenden Sprache eher ablehnend gegenüber und Deutsche sind auch heute noch so willkommen wie die Türken anno 1683. Dafür sind Zigaretten verhältnismäßig günstig, was erklären dürfte, weshalb Wien zum gefühlt 290. Mal in Folge zur lebenswertesten Stadt gekürt wurde. Nicht in Österreich, weltweit. Da man sich demgemäß in Wien sehr wohlfühlt, hat beispielsweise die tränenreich scheidende Finanzministerin und kommende First-Lady für Kultur der ÖVP Maria Fekter für ihr neues Amt angekündigt, „nur mehr Wohlfühltermine wahrzunehmen“. Oper, Theater, Lachshäppchen, HighSociety. So geht Kultur. Doch was die Fekter kann, dass kann ich auch, reise ich schließlich aus beängstigend artverwandten Gründen in die Stadt. Noch im Zug überlege ich eine Bewerbung als Kultursprecherin zu schreiben, lasse es aber bleiben. Lachshäppchen sind einfach nicht mein Ding. Wohlfühltermine dagegen schon und das führt uns nach dieser kurzgehaltenen Einleitung auch schon zum Wesentlichen.
Die Gründe für die Wien-Rückkehr heißen Nowhere Train, A Life A Song A Cigarette, Thomas Pronai und Radio VIVA. Letzteres gibt es schon am ersten Abend beim Herbergsvater in bierseliger Gesprächsrunde. Man singt mit Bowie, raucht zu CCR und schweigt zu den slowakischen Ansagen des Radiomoderatoren. Weil ich meinem selbstauferlegten Bildungsauftrag nachkommen möchte, sei den Anwohnern Wiens dieser Radiosender nach 22 Uhr eindringlichst ans Herz gelegt. Da werden quasi nur Hits abgefeiert. Die ganz Großen, die Uralten, das Schlimmste der 80er und viele vergessene Schätze und das ohne Zwischengebrabbel. Wer braucht schon Kultursprecher?!

Der erste offizielle Wohlfühltermin wird tags darauf in den heiligen Hallen des ORF geboten. Die Herren von Nowhere Train haben zur stimmungsvollen Vorweihnachtsdarbietung im Radiokulturhaus gebeten. Stefan Stanzel von A Life A Song A Cigarette, Jakob Kubizek von Love&Fist, Stefan Deisenberger von Naked Lunch, Frenk Lebel von Play The Tracks Of, Singer-Songwriter Ian Fisher, Ryan Carpenter in der Rolle als Ryan Carpenter und Bandalooper Martin Mitterstieler, sie reißen mit und das aus Überzeugung und Können heraus, von der ersten Sekunde an. Einer Live-Aufzeichnung für's Radio standesgemäß pendeln die Ansagen zwischen Pöbelei und Poesie. In beinahe Hegelscher Dialektik verschmelzen Lebels These „Merry Christmas“ und Kubizeks Antithese „FUCK YOU“ zur Synthese, der Musik. That's the spirit. Dennoch oder gerade deswegen belustigt das, was der Zuschauer zu sehen bekommt, die tief bewegte Brust und es ist obendrein ein wild tobender Beweis für die Theorie „Männer werden 12, danach wachsen sie nur noch“. Als würden die Muppets auf einem MDMA-Trip die Stanley Brothers parodieren. Das aber selbst gut erhaltene Exemplare der männlichen Zunft dem Abnutzungssprozess schutzlos ausgeliefert sind, belegt die Knie-Voran-Landung Kubizeks und die spätere Erkenntnis „Das hätt' ich mir echt sparen können“* Ja, die Bretter, die die Welt bedeuten, sie können so hart sein. Doch kommt man als Besucher des zooesken Spektakels nicht umhin, sich zu wünschen, die Herren mögen auch dann nicht mit rock'nroll-lastigen Stunteinlagen aufhören, wenn dereinst Zivildienstleistende vom „Betreuten Rocken“ auf die Bühne eilen müssen um Mensch und Instrument mitsamt Rollator wieder neu am Mikrofonständer zu justieren. Eigentlich ist es wie immer. Die Musik erfüllt von der Bodenauslegware bis zum höchsten Deckenpunkt jede unbändige Faser und bringt ebendiese in einen Zustand, der mit „ekstatisch“ nur unzureichend beschrieben ist. Die Pedal-Steel knarzt, die Mandoline legt sich klebrig über das Geschehen, die Klaviertöne veranlassen die restlose emotionale Entsorgung. Hinzu kommt die Tatsache, dass einem allein das Beobachten der Ein-Mann-Show Ryan Carpenter ein grenzdebiles Lächeln ins Gesicht zaubert. Oder die Erkenntnis, dass Ian Fisher auch in seinen ruhigeren Liedern, wenn alles ganz zart und verletzlich wirkt, eine unfassbare Energie und Kraft ausstrahlt. Keine Ahnung ob das Sinn macht, aber so fühlt es sich an. Die Gruppe nützt die große Bühne zusätzlich, um die Stücke der im Frühjahr erscheinenden EP vorzutragen. Neben eigens geschriebenen Nummern gibt es wieder Adaptionen, z.B. den ALASAC Klassiker „Please Let Me Drink Away My Broken Heart“. Wer könnte so eine Bitte verweigern?! Wo doch dieser Ausbund an Vorzeigemusikern wie eigens dafür aus Lehm geschaffen scheint, um in den verrauchten Etablissements der Nacht, bei diversen Karaffen Absinth, zu alten Countryklassikern über die „meaninglessness of existence“ zu philosophieren. Und so macht der Nowhere Train eben genau das, was Züge ihrer ureigensten Bestimmung nach tun müssen, er bewegt Menschen.

Darüber denke ich einmal mehr nach, als ich eine zu kurze Nacht später mit nassen Haaren über der Heizung meines Beherbergers hänge. Ich notiere die Worte Bernhard, Geburtstag und Fön in mein Notizbuch und widme mich den großen Fragen des Lebens. Was reizt, interessiert und treibt einen? Was lässt den irrsinnigen Mut aufkommen, damit an andere heranzutreten? Wohin sonst mit all den Dingen, die gesagt werden müssen, mit den angestauten Geschichten, Erlebnissen, den Flausen und dazu passenden Akkorden? Was davon sind Hoffnungen, was Entwürfe? Noch wichtiger, wo könnte dieser geheime Bunker versteckt sein, in dem alle Hemden, die seit Ende der 70er keiner mehr anziehen will, lagern? Und warum hat Jakob Kubizek den Schlüssel dafür? Antworten habe ich keine, dafür halbtrockene Locken und Wohlfühltermin Nummero Zwo. Die Wiener Kulturelite trifft sich am 17.12. im Chelsea. Dort spielen Thomas Pronai und A Life A Song A Cigarette auf. Bo Candy And His Broken Hearts Frontmann Pronai eröffnet den Abend. Einer, der so gar keine Hau-Drauf-Entertainer-Mentalität an den Tag legt, sitzt mit Gitarre und Harp auf einem Holzstuhl und lässt so simpel wie packend lediglich seine Lieder für sich sprechen. Es ist der Gegenentwurf zum tags zuvor erlebten. Manchmal glaube ich, Thomas ist in den meisten Dingen der Gegenentwurf zu dem, was die meisten anderen machen. Eine für mich immer wieder zu bewundernswerte Ausnahme. Mit dem Besten aus zwei Bo Candy Alben sowie einer Nummer der Kurzzeitband Songs Of Claire Madison bereitet er den Weg für die Indie-Folk-Kracher von ALASAC. Es gibt Kombinationen, die kann man sich gar nicht schöner erträumen.
A Life A Song A Cigarette! Eine Band, der ich eines Tages Altäre größer als Gizehs Pyramiden errichten werde. Ja, Altäre höher als der Marianengraben tief. Nicht, dass man mich danach gefragt hätte, aber ich erkläre dennoch gern weshalb: Weil hier Ehrlichkeit auf Krach trifft, ein Cello auf zwei Gitarren, Melancholie auf Rotzigkeit und ich keine auch nur ansatzweise ähnlich gut durchdachte Mischung in der Musik meiner Generation kenne. Wegen Stanzels immer leicht süchtelnd-sympathischer Art, Hannes' Gitarrenspiel oder einem Lukas Lauermann, der mich mit dem, was er mit seinem Instrument anstellt, ähnlich killt, wie seinen eigenen Cellobogen beim Finale von „Tears“. Ein Rausch, der über mich kommt, wie der 14. Juli über Paris. Was ich tatsächlich so empfinde und es danieder schreibe, weil zu einem Wien-Besuch zwangsläufig auch ein André Heller Zitat gehört. Es ist kurz nach 0 Uhr als ich das Chelsea verlasse. Ich erkläre mich selbst für verrückt, einen Rückflug nach Berlin für 6:25 gebucht zu haben aber nach Rasierschaumschlachten, Walzertänzen zum Taxi, jeder Menge "Fun Facts" und natürlich Musik, Musik und noch mehr Musik muss auch mal Schluss sein. Und überhaupt, was ist dieser Tage nicht verrückt?!


Während ich nach einem atemberaubenden Sonnenaufgangsrückflug einige Stunden später an Gleis 2 des Berliner Hauptbahnhofs auf den ICE nach Leipzig warte, fährt auf Gleis 1 der Eurocity nach Wien ab. Wie sagen es gleich die Burschen von Ja,Panik?! „Eine Stadt ist hier am Leiden, eine Stadt ist hier verflucht und war man einmal da, ist es doch alles was man sucht.“ Es stimmt wohl, Wien ist in besonderem Maße lebenswert. Maria Fekter zum Trotz. 





*Anm. d. Red.: Originalzitat wurde von der Autorin ins Deutsche übersetzt


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